Öffentlichkeit schaffen – Unsichtbares Theater

Thema/Hintergrund

Im Rahmen der Projektarbeit konnte in vielen Situationen festgestellt werden, dass der NSU-Komplex bei Menschen ohne Migrationsgeschichte zum Teil unbekannt war. So war beispielsweise in einem Modellworkshop mit Studierenden im zweiten Semester der Sozialwissenschaften lediglich 11 Studierenden von 38 der „Nationalsozialistische Untergrund (NSU) bzw. die Terrorserie des NSU ein Begriff. Die Frage danach, wem das Oktoberfest-Attentat bzw. die Wehrsportgruppe Hoffmann ein Begriff sei, beantwortete lediglich ein Studierender mit „ja“.

Menschen, die rassistischer Deskreditierung unterworfen waren, schildern diese Ahnungslosigkeit als ein sie belastendes Problem, da es ihnen oftmals schwierig erscheint, diese Ahnungslosigkeit zu durchbrechen und sie das Gefühl haben, durch diese erzwungene Dethematisierung (siehe Hintergrundinformation: zum Thema Dethematisierung) erneut stumm gemacht zu werden bzw. ungehört zu bleiben.

Ein Mittel Informationen in die Öffentlichkeit zu tragen ist das Unsichtbare Theater. Das Unsichtbare Theater (oder auch „verstecktes Theater“) wurde im Laufe der 20er und 30er Jahre von kommunistischen Theatergruppen entwickelt. In den 1960er Jahren entdeckte es Augusto Boal in Brasilien neu und nutzte es zum subversiven Protest gegen die brasilianische Militärdiktatur. Es handelt sich dabei um eine politische und/oder künstlerische Aktionsform, bei der es darum geht, Theaterstücke nicht auf einer Bühne, sondern an öffentlichen Orten aufzuführen. Das Besondere an dieser Aufführungsform ist, dass die Zuschauer_innen nicht wissen, dass sie gerade einem Theaterstück zusehen.

Das Stück kann einen rein informativen Charakter haben, indem sich beispielsweise zwei Schauspieler_innen – für das Publikum hörbar – über den NSU-Prozess in München unterhalten und sich daraus eine Kontroverse entspinnt, über die dann Informationen vermittelt werden. Ebenso kann rassistisches Verhalten nachgespielt werden, um das Publikum einzubeziehen und dazu zu bewegen, Stellung zu nehmen.

Sinnvoll ist hierbei zu beachten, dass gerade bei interaktiven Theaterstücken, in denen Umstehende dazu bewegt werden sollen in irgendeiner Form aktiv zu werden, der Selbstschutz nicht vernachlässigt werden darf. Auch und gerade Situationen im Unsichtbaren Theater können unvorhergesehen Eigendynamik entwickeln!

Durchführung der Übung

Im Rahmen der Übung, die aus vier Phasen besteht, soll beispielhaft ein Theaterstück nach der Methode des Unsichtbaren Theaters entwickelt und ausprobiert werden.

Phase A

Zunächst bittet die Seminarleitung die Teilnehmenden in Kleingruppen zu folgenden Fragen Ideen auf Moderationskarten zu sammeln, die im Anschluss im Plenum zusammengetragen werden. 

a) Welche Aspekte im Themenspektrum „NSU“ sollen bearbeitet werden?

b) Wie können diese für die Öffentlichkeit dargestellt werden (Szenen)?  

Als Grundlage für die Ideenentwicklung kann die Seminarleitung einen oder mehrere Texte des Theorieteils den Teilnehmenden zur Verfügung stellen.

Im Plenum werden die Ergebnisse an einer Pinnwand vorgestellt und von der Seminarleitung geclustert, um das Meinungsbild abzubilden und die Ausrichtung des zu entwickelnden Stücks festzuhalten. Sollte es keine eindeutige Tendenz für ein Thema geben, kann die Seminarleitung durch Abstimmung um die Festlegung auf einen Schwerpunkt bitten.

Phase B

Steht das Thema fest, werden im Plenum zu folgenden Fragen Ideen gesammelt und wiederum auf Moderationskarten festgehalten:

a) Welche Rollen sollen mit wem besetzt werden? Wer würde gerne welche Rolle übernehmen? Wer traut sich was zu? Wer fühlt sich in seiner Rolle wohl?

b) Welcher Ort eignet sich am besten als Bühne?

Das Drehbuch für das Stück wird von der Seminarleitung nun mit Stichpunkten auf ein Flipchart zusammengeschrieben und eine Probeaufführung durchgespielt. Im Anschluss an die Präsentation kann das Drehbuch ggf. noch ergänzt bzw. geändert werden.

Phase C

Die Teilnehmenden sollen in Kleingruppen überlegen, welche Hintergrundinformationen im Anschluss an die Aufführung an das Publikum verteilt werden sollen. Diese sollten die zentralen Informationen des Stückes enthalten und Hinweise darauf, warum gerade die Aktionsform des Unsichtbaren Theaters verwendet wurde. Beispielsweise kann in dem Flyer auf Dethematisierung durch Unwissenheit und die damit verbundene Re-Viktimisierung von Betroffenen rassistischer Deskreditierung und Gewalt eingegangen werden.

Ebenso kann darauf eingegangen werden, wer welche Sprechanteile im öffentlichen Diskurs innehat und wer beispielsweise eher von den Folgen kultureller Segregation betroffen ist.

Die Kleingruppen präsentieren ihre Ergebnisse im Plenum und die Hintergrundinformation wird auf einem bzw. mehreren Handzetteln zusammengestellt.

Phase D

In der letzten Phase der Übung wird das Stück an dem gewählten Ort aufgeführt. Die Seminarleitung übernimmt dabei die Beobachterrolle und hält wichtige Aspekte vor, während und nach der Aufführung fest.

Im Anschluss setzt sich die Seminargruppe zu einer Auswertungsrunde zusammen.

Rahmenbedingungen

Zeit:

- 2 bis 2,5 h

Phase 1: 30 Minuten

Phase 2: 30 Minuten

Phase 3: 30 Minuten

Phase 4: Variabel: 1 bis 2 h, je nach Aufführungsinhalt

Material:

- Moderationskarten

- Flipchart

- Pinnwand

- Moderationskoffer

- Arbeitsblatt E.II.

- ggf. Hintergrundtexte aus dem Theorieteil des Readers

- ggf. Requisiten

Arbeitsmaterial

- Arbeitsblatt E.II.


Themen
  • Forderungen aus der migrantischen Community
Schlagworte
  • Mediale Berichterstattung
  • Alltagsrassismus
  • Zuschreibungen
  • NSU-Prozess
  • NSU
  • Othering
Zielgruppen
  • Multiplikator_innen/Lehrer_innen
  • Menschen mit Migrationsgeschichte/People of Color
  • Engagierte Bürger_innen
Mediengattung
  • Unterrichtsmaterial/Arbeitshilfe