Drei Freiwillige

Thema/Hintergrund

Adaptiert aus: Maroshek-Klarmann, Uki / Rabi, Saber (2015): Mehr als eine Demokratie. Sieben verschiedene Demokratieformen verstehen und erleben – 73 Übungen nach der „Betzavta“-Methode. Adaption von Susanne Ulrich, Silvia Simbeck und Florian Wenzel. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh.

Das Leitungsteam bittet drei freiwillige Teilnehmende, den Raum zu verlassen. Diese Gruppe sowie weitere Kleingruppen im Seminarraum erhalten Materialien, mit denen sie ein Symbol basteln, das sie als Gruppe definiert. Das Leitungsteam bittet sie, weitere Merkmale zu vereinbaren, die die Gruppe gemeinsam haben soll, beispielsweise bestimmte Gesten oder Codeworte. Die Gruppen beginnen, über ein zuvor festgelegtes Thema zu diskutieren. Sie benutzt dabei ihre verschlüsselte Sprache. Das Leitungsteam fordert dann die drei Freiwilligen auf, in den Raum zu kommen und sich in die Gruppe zu integrieren. Nach etwa 20 Minuten wird der Spielteil beendet und mit der Diskussion begonnen.

Ziele

  • Unterschiedliche Einstellungen zu Mehrheiten und Minderheiten in multikulturellen Gesellschaften erleben und reflektieren
  • Die Bedeutung von Mehrheitsbeschlüssen in multikulturellen Gesellschaften erkennen
  • Erfahren, dass man sich auch innerhalb der Mehrheit in einer Minderheitenposition befinden kann
  • Erleben, welche Konsequenz der Druck einer Gruppe auf das eigene Verhalten haben kann
  • Erkennen, wie Minderheiten sich in Situationen verhalten, in denen sie ausgegrenzt werden sowie Empathie wecken für die Probleme von Minderheiten
  • Erfahren, welchen Spaß es macht, zu einer Gruppe zu gehören und Codes zu benutzen, die andere nicht verstehen
  • Bewusstsein entwickeln für den Umgang mit Macht
  • Erkennen von gegenseitigen Abhängigkeiten im Verhalten zwischen Mehrheit und Minderheit
  • Kennenlernen von Zusammenhängen zwischen spielerischer und realer Diskriminierung

Erkennen, dass Minderheiten ausgrenzendes Verhalten viel verletzender erleben, als sich die Mehrheit dies vorstellen kann.

Durchführung der Übung

1. Die Übungsleitung bittet drei Freiwillige, den Seminarraum/die Klasse zu verlassen und draußen zu warten, damit sie nicht hören, was im Seminarraum/in der Klasse vorgeht. Sie gibt ihnen das Bastelmaterial. Damit sollen sie fünf besondere Zeichen herstellen. Sie können sich beispielsweise für blaue Abzeichen am Hemd entscheiden oder dass sie Ja und Nein vertauschen etc. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

2. Die Übungsleitung kehrt in den Seminarraum/die Klasse zurück und teilt den Rest der Teilnehmenden in drei Gruppen. Sie erhalten ebenfalls Bastelmaterial. Die Übungsleitung erklärt der Gruppe ihre Aufgabe:

a) Mithilfe des Bastelmaterials sollen sie gruppeneigene Zeichen herstellen. Die Übungsleitung wiederholt die Beispiele, die sie den Freiwilligen bereits gegeben hat.

b) Die Gruppen diskutieren gemeinsam über ein Thema, das sie sich ausgesucht haben. Während der Diskussion benutzen die einzelnen Gruppen ihre Zeichen.

3. Nach einigen Minuten Pause bittet die Übungsleitung die Freiwilligen zurück in die Klasse. Dort benutzen sie die von ihnen vereinbarten Zeichen. Sie sollen sich in die Gruppe integrieren. Dabei sollen sie sich Gedanken darüber machen, was Integration heißt und wie sie sich integrieren. Die Übungsleitung erinnert die Teilnehmenden daran, von ihren Zeichen Gebrauch zu machen. (Die Teilnehmenden, die im Seminarraum/in der Klasse geblieben sind, kennen die Aufgabe der Freiwilligen nicht.)

4. Die drei Freiwilligen kehren in den Seminarraum/die Klasse zurück und beginnen mit ihrer Aufgabe. Parallel dazu führt die Gruppe ihr Gruppengespräch weiter.

5. Nach circa 15 Minuten beendet die Übungsleitung die Übung. Alle Teilnehmenden versammeln sich im Plenum.

Leitfragen für die Diskussion

1. Die Übungsleitung fragt die Freiwilligen:

  • Wie hat sich jeder Einzelne von Ihnen verhalten?
  • Wie hat sich die Gruppe verhalten, der Sie angehören sollten?

2. Die Übungsleitung fragt die im Raum gebliebenen Teilnehmenden:

  • Wie hat sich Ihre Gruppe verhalten?
  • Wie haben Sie sich gefühlt? Was haben Sie gedacht?

3. Die Übungsleitung fragt alle Teilnehmenden:

  • Wie haben Sie die Mitglieder Ihrer und die der anderen Gruppe als Einzelpersonen oder als Gruppe mit besonderen kulturellen Gepflogenheiten gesehen? Haben Sie sie als eine Gruppe mit unterschiedlichen kulturellen Kleingruppen oder als eine Gruppe mit Mehrheit und Minderheiten gesehen?
  • Wie war das Verhältnis zwischen den verschiedenen Kulturen der Freiwilligen und dem Rest der Gruppe? Wer war dominant, wer wurde dominiert, wer hat Entscheidungen gefällt, wer nicht?
  • Wie wollen Sie Ihr Zusammenleben gestalten?

a) Jede Gruppe bleibt für sich.

b) Als eine Gruppe mit Mehrheit und Minderheiten.

c) Als eine Gruppe, die für alle gültige gemeinsame wie auch getrennte Bereiche für  jeden Einzelnen festlegt.

Während der Übung kann es vorkommen, dass sich einige Mitglieder vom Verhalten anderer getroffen fühlen. Die Übungsleitung unterstützt die Betroffenen, ohne zu moralisieren. Sie hilft der Gruppe, die Gefühle zu verstehen, die sich aus dem Verhältnis von Mehrheit und Minderheit ableiten, und prüft sie zusammen mit den Teilnehmenden.

Manche Teilnehmenden können ihr Gefühl, verletzt worden zu sein, nur schwer ausdrücken. Die Übungsleitung hilft ihnen, diese Gefühle zu äußern. Zur Unterstützung betont sie das Ziel der Übung im Anschluss an die Übung noch einmal.

Dabei ist das richtige Gleichgewicht zwischen der Betroffenheit einiger und einer rationalen Diskussion über die Bedeutung ihrer Erlebnisse in der Klasse/Gruppe zu wahren. Oft helfen Mehrheitsgruppen Einzelnen aus Mitleid oder einem Gefühl der Überlegenheit heraus. Mitgliedern der Minderheit nicht aus Mitleid zu helfen, sondern weil sie gleichberechtigt sind und einen Anspruch darauf haben, ist vielen Teilnehmenden neu. Dieser Punkt sollte hervorgehoben werden.

Auswertung

Die Übungsleitung fasst die Äußerungen der Teilnehmenden zusammen. In multikulturellen Gesellschaften mit mehreren Minderheiten sollte es Ansichten geben, die von allen geteilt werden. Dieser Bereich muss von allen akzeptiert werden; über ihn wird es keine Mehrheitsabstimmungen geben. Nach dieser Vereinbarung kann jede kulturelle Minderheit darüber hinaus nach eigenen Vorstellungen leben.

In multikulturellen Gesellschaften sind Minderheitenkulturen nicht nur das Recht bestimmter Gruppen, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Gesellschaftsvertrags, der wiederum ihre Wertegrundlage ist. In multikulturellen Demokratien sind Mehrheitsbeschlüsse entweder überhaupt nicht legitim oder nur dann legitim, wenn jede Gruppe die gleiche Anzahl von Vertretern in ein Gremium schickt, das die Entscheidungen per Mehrheitsbeschluss fällt. Jede Gruppe muss die gleiche Anzahl von Vertretern in dieses Gremium schicken, ohne dabei die Gruppenstärke zu berücksichtigen.

Rahmenbedingungen

Zeit:

- 1 bis 1,5 h

Material:

- Bastelmaterial (farbiges Papier, bunte Aufkleber, Scheren, Kleber, Buntstifte)

Arbeitsmaterial


Themen
  • Institutioneller Rassismus
Schlagworte
  • Einstellungsmuster der Mehrheitsgesellschaft
  • Alltagsrassismus
  • Diversität
Zielgruppen
  • Multiplikator_innen/Lehrer_innen
  • Menschen mit Migrationsgeschichte/People of Color
  • Engagierte Bürger_innen
Mediengattung
  • Unterrichtsmaterial/Arbeitshilfe