Besuch auf der Insel Albatros

Thema/Hintergrund

Adaptiert und erweitert aus: Ulrich, Susanne, unter Mitarbeit von Jürgen Heckel, Eva Oswald, Stefan Rappenglück und Florian Wenzel: Achtung (+) Toleranz. Wege demokratischer Konfliktregelung. Praxishandbuch für die politische Bildung, 4. überarbeitete Auflage mit Praxisanleitung auf CD-ROM, Gütersloh 2006.

Die Teilnehmenden sollen sich vorstellen, zu Besuch in einer fremden Kultur zu sein – auf der Albatros-Insel. Sie verstehen die Sprache des Albatros-Volkes nicht, werden von diesem jedoch freundlich empfangen und können dort fremde Riten und Gewohnheiten beobachten. Das Leitungsteam – im günstigsten Fall ein Mann und eine Frau – stellt Einwohner von Albatros dar und spielt eine kurze Szene vor. Sollte das Leitungsteam nicht aus Mann und Frau bestehen, so kann auch eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer mitspielen. Anschließend beschreiben die Teilnehmer_innen, was sie gesehen haben.

Ziele

  • Erkennen, dass fremde Verhaltensweisen und Gewohnheiten oftmals missverstanden werden.
  • Verstehen, dass jeder eine andere Kultur mit der eigenen »kulturellen Brille« und auf der Grundlage stillschweigender Annahmen betrachtet.
  • Erkennen, dass man schnell dabei ist, eine Situation vorschnell und ohne Wissen um die Hintergründe zu bewerten.
  • Lernen, dass sich durch wertneutrale Beschreibungen und nicht durch vorschnelle Interpretation die Entstehung von Vorurteilen und Stereotypen vermeiden lässt.
  • Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Wertvorstellungen im Kontext einer Einwanderungssituation
  • Die Grenzen der eigenen Toleranz erfahren, wenn es darum geht, die Sitten, Gebräuche und Werte anderer nicht nur zu akzeptieren, sondern selbst übernehmen zu müssen

Demokratische Regelungen für einen angemessenen Umgang mit unterschiedlichen Werten einüben.

Vgl. The Albatross, entwickelt von Theodore Gochenour an der School for International Training, Brattleboro, Vermont, USA, veröffentlicht in Beyond Experience, Intercultural Press, Yarmouth/USA 1993, S. 119 – 127. Der vorliegende Text dieses Buches stützt sich auf eine Vorlage von Susanne M. Zaninelli, Culture Contact, München.

Durchführung der Übung

Phase A

Die Teilnehmenden stellen sich vor, dass sie zu Besuch auf der Insel Albatros sind. Sie können nun anhand einer kurzen Szene, die ihnen das Leitungsteam vorspielt, beobachten, wie das Albatros-Volk lebt.

Teil 1: Begrüßung

Zwei Mitglieder des Leitungsteams, ein Mann und eine Frau oder im Ausnahmefall ein Mitglied des Leitungteams und eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer, verlassen den Seminarraum und kommen kurze Zeit später wieder herein. Beim Betreten des Raumes summen sie leise und monoton vor sich hin. Die Frau folgt dem Mann mit einigen Schritten Abstand. Sie gehen im Kreis der Teilnehmenden umher und stellen bei allen, die die Beine übereinander geschlagen haben, beide Füße auf den Boden. Sie tun dies sehr sanft und weiterhin leise vor sich hinsummend, bei denjenigen, die die Beine wieder übereinander schlagen, auch mehrmals. Der Mann berührt dabei nur die männlichen Teilnehmer, die Frau Personen beiderlei Geschlechts.

Teil 2: Essen

Der Mann setzt sich auf einen Stuhl, die Frau nimmt neben ihm auf dem Boden kniend Platz. Unter dem Stuhl steht eine Schale mit Erdnüssen, die die Frau dem Mann zum Verzehr anbietet. Er isst mit den Fingerspitzen einige Erdnüsse und schmatzt dabei genüsslich. Dann reicht er die Schale an die Frau weiter. Sie isst ebenfalls schmatzend von den Nüssen.

Teil 3: Energieaufnahme

Ist die Nahrungsaufnahme beendet, legt der Mann der Frau sanft die Hand auf den Nacken. Sie beugt sich dabei nach vorne und berührt mit der Stirn den Boden. Dies wiederholt sich dreimal. Danach stehen die beiden wieder auf und gehen den Kreis der Teilnehmenden noch einmal zur Verabschiedung ab. Sie nicken jeder und jedem lächelnd zu, gehen dann aus dem Raum hinaus und beenden damit das Rollenspiel.

Auswertung

Das Leitungsteam nimmt im Stuhlkreis der Gruppe Platz. Die Teilnehmenden werden in einem kurzen Blitzlicht gebeten, zunächst zu beschreiben, was sie erlebt haben. Außerdem sollen sie kurz erklären und begründen, ob sie sich vorstellen oder nicht vorstellen können, auf der Albatros-Insel zu leben.

Die Interpretationen werden in der Regel darauf hinauslaufen, dass bei den Menschen auf Albatros die Frauen unterdrückt werden und nicht die gleichen Rechte haben wie die Männer. Dies zeige sich zum Beispiel daran, dass die Frauen nicht auf Stühlen sitzen dürfen, sondern in unbequemer Haltung am Boden, dass die Männer zuerst essen dürfen und dass schließlich die Frau durch den Mann gezwungen wurde, sich ganz tief zu verneigen. Wenn diese Vermutungen geäußert werden, kann das Leitungsteam fragen, ob dies auch von den anderen so wahrgenommen wird oder ob man die Situation anders betrachten kann. Dadurch wird eine Diskussion über die eigene Wahrnehmung angeregt.

Nun erläutert das Leitungsteam die Kultur der Albatros und die Bedeutung ihrer Riten und Gebräuche. Die Gruppe bespricht, welche (Vor-)Annahmen und Fehleinschätzungen möglicherweise zu falschen Interpretationen geführt haben und woher diese kommen.

Phase B

Das Leitungsteam fordert die Teilnehmende auf, sich vorzustellen, für eine Weile auf der Insel Albatros zu leben. Würden sie bereit sein, sich so zu verhalten wie die Menschen auf Albatros? Wo verliefe die Grenze ihrer Anpassungsbereitschaft?

In einem weiteren Schritt sollen sich die Teilnehmenden vorstellen, dass sie als Flüchtlinge auf Albatros eintreffen und froh sind, wenn sie auf der Insel bleiben können. Würden sie nun eher bereit sein, sich anzupassen?

Variante

Die Insel Albatros ist stark vom Klimawandel betroffen. Nach einigen Katastrophen wandert eine große Gruppe der Bewohner_innen aus und kommt in Ihr Land als Flüchtlinge.

Die Gruppe diskutiert in Kleingruppen, wie mit ihrer Kultur umgegangen werden soll. Welche besonderen Rechte im Vergleich zu den 'Einheimischen' stehen ihnen zu? Was von ihrer Kultur darf im privaten, was im öffentlichen Bereich Einfluss haben? Wie steht es mit einer 'Leitkultur'? Wo dürfen die Flüchtlinge wohnen? Werden sie als vollwertige Bürger_innen anerkannt?

Die Kleingruppen erstellen Poster (Flipchart) zu den von ihnen entschiedenen Regelungen, die im Plenum vorgestellt werden.

Auswertung

In der Plenumsdiskussion sollten die verschiedenen Perspektiven des Umgangs mit divergierenden Werten diskutiert werden.

Leitfragen für die Diskussion

- Würden die Anpassungsleistungen und auch Abgrenzungen jeweils auch dann gelten, wenn die eigene Lage anders wäre (die Bewohner_innen von Albatros als Flüchtlinge in das eigene Land kommen würden bzw. für die Variante: die Teilnehmer selber als Flüchtlinge nach Albatros kommen würden)? 

- Ist Gleichheit ein wichtiges demokratisches Kriterium? Was bedeutet Gleichheit in diesem Fall konkret? Ist eine Gruppe 'gleicher' als die andere?

- Wie lief die Diskussion um die Frage der Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur in der Seminargruppe ab? Demokratisch und gleichberechtigt? Wessen Wertvorstellungen setzten sich durch?

- Gibt es etwas in Ihrer Kultur, was Sie auf keinen Fall aufgeben würden?

 

Die Seminarleitung fasst wichtige Punkte der Diskussion zusammen. Entscheidend sind dabei folgende Schlussfolgerungen:

  • Werturteile über Andere passieren sehr schnell und es ist schwierig, bewusst davon zu abstrahieren
  • Beobachtungen, Interpretationen und Urteile sollten so weit als möglich bewusst getrennt werden
  • Starke Symbole wie oben/unten, davor/dahinter, schwarz/weiß, normal/eingeschränkt sollten bewusst gemacht und hinterfragt werden
  • Eine Reflexion über die Grenzen dessen, was man bereit ist, aufzugeben sowie die Grenzen der Akzeptanz von Vielfalt sollten bewusst diskutiert werden
  • Die Bedeutung von Machtstrukturen und Mehrheit/Minderheit sollten beachtet werden

Demokratische Wege der Regelungen von Wertepluralität sollten kreativ erprobt werden.

Rahmenbedingungen

Zeit:

- 2 h

Material:

- Arbeitsblatt B.VIII.

- Schale mit Erdnüssen

- Moderationskoffer

- Flipchart

Arbeitsmaterial

- Arbeitsblatt B.VIII.


Themen
  • Rassismus und Menschenrechte
Schlagworte
  • Einstellungsmuster der Mehrheitsgesellschaft
  • Alltagsrassismus
  • Diversität
Zielgruppen
  • Multiplikator_innen/Lehrer_innen
  • Menschen mit Migrationsgeschichte/People of Color
  • Engagierte Bürger_innen
Mediengattung
  • Unterrichtsmaterial/Arbeitshilfe