Die Opfer

Seit dem Jahre 1990 sind laut Recherchen der Mut-gegen-rechte-Gewalt-Redaktion und des Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung 184 Menschen durch die Folgen rechter Gewalt zu Tode gekommen[1]. So auch die  zehn Menschen, die dem Terror des „NSU“ zum Opfer fielen. Diese Opfer waren Menschen aus unserer Mitte – oder wie Patrick Gensing es treffend beschreibt: „Menschen, keine Döner“[2]:

 

Enver Şimşek, 38 Jahre

Enver Şimşek kam im Jahre 1961 in der Türkei zur Welt und heiratete dort 1978 seine Frau Adile. Im Oktober 1985 zog er nach Deutschland, wo ein Jahre später die Tochter geboren wurde. Sechs Jahre später machte sich Enver Şimşek mit einem Blumen Groß- und Einzelhandel selbstständig.

Am 9. September 2000 wurde Enver Şimşek in Nürnberg an seinem mobilen Blumenstand mit acht Schüssen aus zwei Pistolen angeschossen. Er erlag zwei Tage später seinen schweren Verletzungen.

Enver Şimşek hinterließ eine vierzehnjährige Tochter und einen dreizehnjährigen Sohn.

 

Abdurrahim Özüdoğru, 49 Jahre

Abdurrahim Özüdoğru wurde am 21. Mai 1952 in der Türkei geboren. Im Jahre 1972 zog er nach Deutschland, um an der Universität Erlangen-Nürnberg zu studieren. Während dieser Zeit lernte er seine Frau kennen.

Am 13. Juni 2001 wurde der Familienvater Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg mit zwei Kopfschüssen aus einer Pistole in seiner Änderungsschneiderei ermordet.

 

Süleyman Taşköprü, 31 Jahre

Süleyman Taşköprü kam am 20. März 1970 im Südwesten der Türkei zur Welt. In Hamburg absolvierte er den Realschulabschluss und übernahm 2001 den Lebensmittelladen seines Vaters. Am 27. Juni 2001 wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg mit drei Kopfschüssen aus zwei Pistolen erschossen. Einen Tag später wurde er von seinem Vater tot aufgefunden. Er hinterließ eine dreijährige Tochter.

 

Habil Kılıç, 38 Jahre

Habil Kılıç wurde im Jahre 1963 an der türkischen Schwarzmeerküste geboren. Anfang 2000 eröffnete er mir seiner Frau einen Frischwarenmarkt in München, in dem er am 29. August 2001 von einer Kundin schwer verletzt aufgefunden wurde. Er starb noch am gleichen Tag an seinen schweren Schussverletzungen.

 

Mehmet Turgut, 25 Jahre

Mehmet Turgut kam in Jahre 1977 in Ostanatolien (Türkei) zu Welt. Aus einem kleinen Dorf stammend, kam er nach Deutschland, um sich hier eine Zukunft aufzubauen. Am 25. Februar 2004 sperrte Mehmet Turgut den Imbissstand auf, in dem er seit zehn Tagen arbeitete. Er wurde am gleichen Tag in diesem Imbissstand ermordet.

 

Ismail Yaşar, 50 Jahre

Ismail Yaşar wurde 1955 in der Türkei geboren. Im Alter von 23 Jahren kam er nach Deutschland, wo er heiratete und drei Jahre lang einen Imbissstand betrieb.

Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Yaşar in Nürnberg mit fünf gezielten Schüssen in seinem Geschäft ermordet.

Er hinterließ einen fünfzehn Jahre alten Sohn.

 

Theodorus Boulgarides, 41 Jahre

Theodorus Boulgarides kam 1964 im nördlichen Griechenland zur Welt. Mit neun Jahren kam er nach Bayern und erwarb dort später auch sein Abitur. Nach seiner Ausbildung bei einem Mikrochiphersteller lernte er seine spätere Ehefrau kennen, mit der er zwei Töchter bekam, die zum Zeitpunkt der Ermordung des Vaters fünfzehn und achtzehn Jahre alt waren.
Am 15. Juni 2005 wurde Theodorus Boulgarides in München in seinem Schlüsselladen ermordet

 

Mehmet Kubaşık, 39 Jahre

Mehmet Kubaşık wurde 1966 im Süden der Türkei geboren. Mit achtzehn Jahren heiratete er seine Frau, mit der er eine Tochter bekam. Ende der 1980er Jahre verließ die Familie die Türkei und kam schließlich nach Deutschland. In Deutschland kamen auch die beiden Söhne der Familie Kubaşık zur Welt. 2003 wurde die Kubaşıks deutsche Staatsbürger_innen.

Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in Dortmund mit mehreren Schüssen in seinem Kiosk niedergeschossen und starb anschließend an seinen schweren Verletzungen.

 

Halit Yozgat, 21 Jahre

Halit Yozgat kam 1985 in Kassel zur Welt, nachdem sein Vater im Jahr 1970 nach Deutschland gezogen war. Seit seinem 18. Lebensjahr besaß Halit Yozgat die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach der Arbeit besuchte er die Abendschule, an der er sein Abitur nachholen wollte. Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in Kassel in seinem Internetcafé durch zwei gezielte Kopfschüsse ermordet.

 

Michèle Kiesewetter, 22 Jahre

Michèle Kiesewetter wurde am 10. Oktober (Jahr?, 1984) in Thüringen geboren. Nach dem Abschluss der Realschule besuchte sie die Fachoberschule und hatte das Ziel, in den Polizeidienst einzutreten, was ihr 2003 auch gelang. Am 25. April 2007 machte sie nach der Einsatzbesprechung  mit ihrem Kollegen eine Pause. Im Dienstwagen sitzend wurde die Polizistin mit einem Kopfschuss in ihrem Streifenwagen ermordet. Ihr zwei Jahre älterer Kollege wurde hierbei lebensgefährlich verletzt und überlebte nur knapp.

 

 


[2] Gensing, Patrick (2012): Terror von rechts. Rotbuch Verlag